klimaWANDEL.de -Wir sind eine Welt!

Umweltschützer im Iran kämpfen an zwei Fronten

Teheran (pte/14.08.2010/06:05) - Mit einem ungewöhnlichen Kälteeinbruch, Neuschnee und frostigen Temperaturen begann der Monat August auf dem höchsten Gipfel Persiens, dem Damavand. Sturm, Eis und Kälte sind auf dem Fünftausender 70 Kilometer nordöstlich von Teheran zwar keine Seltenheit, mit Durchschnittstemperaturen von über 0 Grad im jährlichen Mittel verliert der mächtigste Schichtvulkan Asiens aber allmählich seine ohnehin schmächtigen Gletscherfelder. Nur noch 20 Meter Dicke messen die fünf verbliebenen Eiszungen an der Nord- und Ostflanke des Berges, berichtet der iranische Geologe M.S. Mussawi von der Technischen Universität Teheran gegenüber pressetext.

Im Vorjahr veröfffentlichte Mussawi in den "Annals of Glaciology" (Cambridge, Großbritannien) http://igsoc.org/annals die erste umfassende Bestandsaufnahme aller Gletschervorkommen im Iran auf Grundlage von Satellitenaufnahmen, Luftbildmessungen und Untersuchungen vor Ort (A new glacier inventory of Iran): eine echte Premiere, die auch schon die letzte sein könnte. Denn die Ergebnisse zeigen, dass die fünf glazialen Vorkommen in den höher gelegenen Regionen des Iran - Elburs-Massiv (Damavand und Takhte-Soleiman Region), Zagros Massiv (Zardkuh und Oshtorankuh) sowie Sabalan Massiv - aufgrund ihrer bescheidenen Ausmaße schon bald Geschichte sein könnten.

Bisher gab es nur Schätzungen zum Flächenumfang der persischen Gletschergebiete. Die Amerikanerin Jane G. Ferrigno sprach 1991 von Gletschern im Ausmaß von insgesamt 20 km2, davon allein 14 km2 in der Takhte-Soleiman Region im Westiran. Auf Grundlage von detaillierten ersten Messungen seines Kollegen Fariborz Vaziri (2003) spricht Mussawi in der aktuellen Studie von 27 km2 Eisflächen, davon 7,55 km2 in der Takhte-Soleiman Region. Der Demavand-Gletscher ist demnach mit 3,4 km2 Umfang bereits das kleinste Gletschervorkommen des Landes. Zum Vergleich: Österreich zählt knapp 900 Gletscher mit einer Fläche von 450 km2.

Hängende Gletscher

Laut Mussawi gibt es derzeit fünf Eisflächen rund um den Gipfel des Damavand, die in die Kategorie "hängende Gletscher" fallen. Vier davon liegen am Nordabhang (Siuleh, Dubi-sel, Speleh und Khurtabsar), ein fünfter an der Ostseite im Yakhar Tal, der auch die Hauptquelle zur Speisung des Talkhrud Flusses ist. Alle weiteren Schneeflächen an der Süd- und Südostflanke (Kafar Dereh und Sardagh) sind streng genommen gar keine Gletscher mehr, da sie in heißen Sommern komplett verschwinden, sagt Mussawi.

Mount Damavand Guide A. Soltani http://damawand.de bestätigt den schleichenden Klimawandel. Nach mehr als 20 Jahren Gipfelerfahrung sagt der Bergführer: "Die Gletscher sind merkbar geschrumpft. Die Sommer werden länger, die Niederschläge weniger." Monatelange Trockenperioden seien keine Seltenheit. Dass es einmal - wie dieses Jahr - mitten im August schneit, sei eine absolute Ausnahme, betont Soltani gegenüber pressetext.

Der aktuellen Studie zufolge liegt die durchschnittliche Schneefallgrenze am Damavand heute bei 4400 Meter, die Gletscher selbst reichen vereinzelt bis auf 3.900 herunter. Die Gletscherfelder sind aber nur noch zwischen 260 bis 600 Meter breit und bis zu 2,2 Kilometer lang. Aufgrund der Steilheit des Geländes (26 bis 40 Prozent Neigung) erreichen sie allerhöchstens 20 Meter Stärke. Meist sind die Eispanzer aber deutlich dünner und überdies mit Büßereis und Spalten übersäht.

Schlafender Vulkan

Der Damavand (5.671 m, offizielle Messungen sprechen von 5.609 m) überragt das ihn umgebende Elburs (Alborz) Gebirge im Norden Irans um zweitausend Meter. Wie seine Nachbarn Ararat (Türkei) und Elbrus (Russland) ist der Berg auf dem Breitengrad Tunesiens von Mythen und Sagen umrankt. Dazu trägt nicht zuletzt sein Status als "schlafender Vulkan" bei. Der letzte Lava-Ausbruch datiert auf etwa 5.350 v. Chr. Noch heute stößt der Berg giftige Schwefeldämpfe aus und verleiht ihm dadurch sein unverwechselbares Bild. Unterhalb des Gipfels, auf dem sogenannten Schwefelhügel (Dud-Kuh), treten die Dämpfe mit lautem Rumoren aus dem Boden. Soweit nicht von frischem Schnee bedeckt, wird das Auge mit zitronengelben schwefelhaltigen bizarren Gesteinsformen verwöhnt.

Obwohl vom Damavand aktuell keine Eruptionen ausgehen, zweifeln Geologen nicht daran, dass er in Zukunft wieder aktiv werden könnte. Der Gipfelkrater hat einen Durchmesser von 160 Meter und ist 20 Meter tief. In seiner Mitte hat sich Gletscherwasser gesammelt, das aber nahezu ganzjährig gefroren ist. Die Bodentemperatur ist laut Experten dreimal wärmer als bei vergleichbaren anderen Bergen. Das ist auch der Grund, warum der Schnee rascher schmilzt. Am Fuße des mächtigsten Vulkankegels im Nahen Osten sprudeln an vielen Orten heiße Mineralquellen mit bis zu 80 Grad, die bekannteste davon in Larijan, der Heimat des auch über die Landesgrenzen hinaus bekannten Politikerclans rund um Parlamentspräsident Ali Larijani.

Keine Wassernot

Der Wind auf dem Gipfel kann bis zu 150 km pro Stunde erreichen. Zumeist kommt er vom Westen oder Nordwesten und bringt durchschnittliche Regenmengen von 1.400 mm jährlich. Deshalb sind die Flüsse im Damavand-Gebiet auch immer mit Wasser gefüllt - solange sie nicht für eines der großen Dammprojekte für die Energie- und Wasserversorgung der Hauptstadt Teheran herhalten müssen. Aufgrund der Niederschlagsmengen kennt die Region so gut wie keine Wasserknappheit - eine Grundlage für die jahrtausende alte Zivilisation. Über 5.000 Jahre Siedlungstätigkeit sind nachweisbar. Unterhalb des Bergdörfchens Reineh, im Haraz-Tal, finden sich Felsengräber aus der Bronzezeit. Darüber hinaus wurden rund um den Berg und vor allem an seiner südlichen Flanke eine Vielzahl prähistorischer Gräber und steinzeitlicher Objekte gefunden, quasi als Nachweis für die weltgeschichtliche Dimension der Region.

Erstbesteigung im Mittelalter

Der Damavand zählt große Namen zu seinem Entdeckerkreis. Schon in der Frühzeit des Islam, um 905, ist eine Erstbesteigung durch Abu Dolaf Kazraji dokumentiert. Drei Jahrhunderte später versuchte es der byzantinisch-arabische Geograf Yaqut al-Hamawi ar-Rumi, scheiterte aber vor dem Gipfel. Doch die einheimischen Sherpas lieferten ihm eine so detaillierte Beschreibung des Gipfels, dass er diese in sein berühmtes Wörterbuch der Geografie aufnahm. Etwa zur gleichen Zeit notierte der arabische Historiker Baha-Aldin Ebn Esfandiar, dass der Gipfelaufstieg von Ask aus etwa zwei Tage dauerte.

Im 19. Jahrhundert wurde der Gipfel regelmäßig von Persern bestiegen, um dort schwefelhältiges Gestein zu sammeln, schrieb der erste westliche Damavand-Bezwinger W. Taylor Thompson, im Royal Geographic Society Magazine 1838. Die kommerziellen Aktivitäten zur Verwertung des Schwefelsulfids wurden jedoch schon viel früher erwähnt - etwa im 11. Jahrhundert im Reisetagebuch des persischen Globetrotters, Theologen und Philosophen Nasser-i Khosrow.

Am 11. Juli 1890 bestieg der berühmte schwedische Naturforscher und Entdeckungsreisende Sven Hedin mit drei Begleitern den Gipfel, um dort Material für seine Dissertation zu sammeln. Seit Anfang 1900 haben sich auch iranische Geografen verstärkt mit dem Vulkan befasst, so die Mozaffari Geographic Mission, die den Gipfel über den schwierigen Ostwandgletscher Yakhar bewältigte. Mitte der 30er Jahre wurde in Reineh das erste touristische Demavand-Informationszentrum erbaut, seitdem wurden viele neue Routen eröffnet und Guides ausgebildet.

Leere Routen 2010

Mit den politischen Unruhen nach den Präsidentschaftswahlen im Vorjahr ist das Geschäft mit dem Gipfel allerdings schwer eingebrochen. Viele internationale Touren wurden heuer abgesagt, auf den Marschrouten sind kaum noch Ausländer zu finden. Iranische Bergsteiger dominieren in den Unterkünften, die Zeltplätze sind verweist. Rami "Messner", für die neu errichtete Schutzhütte Bargah-e Sevom auf 4.150 m verantwortlich, jammert mit beiden Händen im Hosensack: "2007 und 2008 sind wir wegen des großen Andrangs monatelang nicht ins Tal gekommen. Bis zu 300 Zelte hatten wir abends. Jetzt haben wir die Schutzhütte fertig, und keine Bergsteiger mehr." Sein Freund Mojtaba sekundiert: "Bis zu 80 Gipfeltouren habe ich pro Saison auf der Südroute gemacht. Heuer komme ich auf zehn."

Auch iranische Umweltschützer sind unzufrieden. Was die Politik nicht zerstört, schaffen kommerzielle Gier, Unstimmigkeiten und Eifersüchteleien. Seit die Iranian Mountaineering Federation in Polur eine eigene Unterkunft betreibt, behindern sich die Tourismus-Verantwortlichen der Bergdörfer Polur und Reineh gegenseitig. Unermüdliche Bergfreunde kämpfen da gegen Windmühlen, so u.a. um eine Verbesserung der Zufahrtsstraßen und Infrastruktur, um eine ordentliche Lebensmittelversorgung am Berg, um den Schutz der Region vor unkontrollierter Wilderei oder Abfallentsorgung. Wie anderswo auch gilt aber auch hier: Es muss die Einsicht reifen, dass die Entwicklung nur in Zusammenarbeit funktioniert.