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Soziologen bestimmen Voraussetzung für Kooperation

Zürich (pte/12.05.2010/12:55) - Viele Krisen des Planeten – wie Überfischung, Klimawandel oder die Finanzkrise – gehen im Kern auf ausbeuterisches Verhalten zurück. Egoisten sind kurzfristig im Vorteil, können dadurch jedoch das System zerstören. Was es braucht, um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, zeigt ein internationales Team von Soziologen unter der Leitung der ETH Zürich http://www.soms.ethz.ch in der Zeitschrift "PLoS Computational Biology". "Kooperation kann sich dort durchsetzen, wo Menschen mit ihrem Umfeld interagieren", erklärt Forschungsleiter Dirk Helbing im pressetext-Interview.

Vielfach ist das Zusammenleben auf dem Planeten auf Kooperation angewiesen. "Das ist bei der Nutzung von Infrastruktur, beim Umgang mit Gemeingütern wie Wasser bis hin zur Kultur und Sprache der Fall. Würde jeder die Sprache anders verwenden, könnten wir nicht kommunizieren", erklärt Helbing. Allzu oft werden diese Systeme überstrapaziert. "Das trifft etwa beim Schwarzfahren, beim Versicherungs- und Steuerbetrug, bei nicht nachhaltiger Naturnutzung und selbst bei ungerechter Arbeitsteilung in einer Wohngemeinschaft zu."

Zufällige anonyme Begegnungen zerstören das System

Um die Grundlagen der Kooperation zu modellieren, nahmen die Forscher die Existenz von vier Verhaltenstypen an. Da gibt es die "Kooperativen", die brav ihren Beitrag leisten und die "Moralisten", die zusätzlich jene, die sich unkooperativ verhalten – "Defekteure" genannt – bestrafen. Die vierte Art von Mitspielern sind die "Immoralisten", die andere für Regelverstöße bestrafen, sich aber selbst egoistisch benehmen. Da erfolgreiches Verhalten stets kopiert wird, setzen sich bei rein zufälliger Wahl der Interaktionspartner die Sozialschmarotzer durch und zerstören das System, zeigte die Simulierung am Computer.

Überrascht wurden die Forscher allerdings, als sie ein Detail der Simulation veränderten. "Interagieren die Individuen mit ihren Nachbarn, bilden sich Verhaltensmuster-Gruppen, ganz nach dem Motto ‚Gleich und Gleich gesellt sich gerne’. Während zuvor Kooperative und Moralisten konkurrierten und letztere aufgrund des höheren Bestrafungsaufwands zurückgedrängt wurden, drängen sie nun getrennt voneinander die Defekteure zurück." Schlussendlich siegt laut Helbing kooperatives Verhalten: Moralisten nehmen überhand, und Bestrafungen werden überflüssig. Soweit die Theorie.

Globalisierung auf Kosten der Nachbarschaft

In der Praxis gibt es solche Kooperation etwa in Freundesgruppen, die häufig ebenfalls gemeinsame Moralvorstellungen besitzen. "Auch in Web-Communites, Sportvereinen oder Firmen ist das der Fall, solange eben die Größe nicht überschritten wird, bei der sich alle Mitglieder untereinander kennen", so Helbing. Denn während in kleinen Dörfern oft noch strikte Normen herrschen, gilt in Großstädten das Laissez-faire-Prinzip. "Vielleicht ist es auch eine der Ursachen der Finanzkrise, dass die Welt ein globales Dorf geworden ist, wo Interaktionen anonym und die Nachbarschaftsbeziehungen unwesentlich wurden. Das förderte den Zusammenbruch der Kooperation", so der Züricher Soziologe.

Unter diesen Annahmen sieht Helbing die Ergebnisse als "kräftigen Warnschuss" für eine naive Globalisierung. "Man würde nicht vermuten, dass die enge Vernetzung der Akteure zum Zusammenbruch sozialer oder ökonomischer Systeme führen kann. Die Simulation zeigt dies jedoch deutlich – und bestätigt sich oft genug in der Realität." Neue Mechanismen der Kooperation müssten somit gefunden werden, um dem veränderten Charakter unserer sozial- und Geschäftsbeziehungen gerecht zu werden.

Reputation statt Überwachung

Große Hoffnung legt der Züricher Forscher in die Belohnung von Kooperation auf der Basis von Reputation. "Die gegenseitige öffentliche Bewertung hilft bei der Wahl der Interaktions- oder Geschäftspartner und kann das System stabilisieren. Dieser Mechanismus könnte sogar die unabdingbare Lösung der heutigen Probleme sein." Deutliche Zeichen dafür sei die boomende Profilbewertung im Internet, die sich derzeit etwa bei Onlineshops oder sozialen Netzwerken durchsetzt. "Die Alternative ist die stärkere Überwachung, in die Staaten heute immer mehr investieren. Doch niemand fühlt sich in einer Überwachungs- und Bestrafungsgesellschaft wohl."

Abstract des Originalartikels unter http://www.ploscompbiol.org/article/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pcbi.1000758 (Ende)

Aussender: pressetext.schweiz