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Nur Lippenbekenntnisse seit 1992 - Willensstärke für Rio+20 gefordert

London/Kiel (pte017/15.06.2012/13:15) - Die Zahl der Fische in den Meeren ist so gering geworden, dass in vielen Regionen ihr völliges Verschwinden und ein Kollaps des Ökosystems droht. Bekannt und auch politisch diskutiert ist das Problem seit Jahrzehnten, doch fast alle von den Ländern versprochenen Maßnahmen waren problematisch, ineffizient oder wurden gar nicht durchgeführt. Diese beschämende Bilanz ziehen Londoner Forscher im Fachblatt "Science". Deutschland lässt das Problem kalt: Am gestrigen Donnerstag beschloss der Ministerrat in seiner Sitzung zur Reform der Fischerei, die Umsetzung der Fischbestands-Erholung weiter aufzuschieben.

Zerstörung geht weiter

Jedes dritte Fangrevier ist heute leer und bis 2050 könnten alle Meere fischfrei sein (pressetext berichtete: http://pressetext.com/news/20100522008 ). Schon vor 20 Jahren gab es Zusammenbrüche wie etwa vor Neufundland: Die Bestände im einst wichtigsten Fanggebiet für Kabeljau haben sich bis heute nicht erholt. Beim Rio-Treffen 1992 haben die Staaten ein massives Gegenlenken vereinbart und 2002 in Johannesburg konkretisiert: Bis 2015 sollten sich die Bestände soweit erholt haben, dass sie dann einen maximalen Dauerertrag liefern könnten, wurde beschlossen.

Beinahe alle Nachhaltigkeits-Regelungen und Schutzbestimmungen für gefährdete Arten und Regionen waren leere Versprechen: Keines der großen Ziele wurde umgesetzt, die destruktiven Formen der Fischerei gehen ungemindert weiter und teils ist die Situation schlimmer als zuvor, so die Bilanz der Zoological Society of London http://zsl.org im Vorfeld zur Rio+20-Konferenz. "Wer internationale Vereinbarungen ernst nimmt, muss die Regierungen zur Rechenschaft ziehen. Alle künftigen Zugeständnisse sollten eindeutige Pläne der Umsetzung und der Überprüfung von Erfolg oder Rückschritt beinhalten", fordert Studienautor Jonathan Baillie. Wie gut marine Schutzgebiete wirken, zeigen die spärlichen Erfolgsbeispiele etwa im Chagos-Archipel, in Nordwest-Hawaii und um die südlichen Orkneyinseln vor.

Europa exportiert Problem

Die EU schneidet um keinen Deut besser ab als der Rest der Welt, im Gegenteil: Mit 'Business as usual' wird sie den Wiederaufbau der Bestände statt 2015 erst 30 Jahre später erreichen, hat Geomar-Forscher Rainer Froese http://geomar.de schon 2010 aufgezeigt. Langfristig um 60 Prozent höhere Erträge wären bei vernünftiger Bewirtschaftung der europäischen Bestände möglich, berichtet der Kieler Fischereiexperte im pressetext-Interview: "Der Ministerrat hat aber gerade vorgeschlagen, mit der notwendigen Reduzierung des Fischereidrucks für die meisten Bestände noch bis 2020 zu warten."

Aufgrund leerer Meere vor der Haustür exportiert Europa sein Problem: Zwei von drei Fischen in der EU werden bereits aus Entwicklungsländern importiert. Europäische Flotten fischen etwa in westafrikanischen Hoheitszonen, wobei die Anrainerstaaten Lizenzgebühren von rund 100.000 Euro pro Jahr und Boot erhalten - "aus Steuergeldern", wie Froese betont. Diese Subventionen sind für viele Entwicklungsländer verlockend, haben jedoch einen hohen Preis: "Die kleinen Fischer vor Ort fangen in Folge nicht mehr genug, Proteine fehlen in der Nahrung und werden zunehmend im sogenannten Bushmeat gesucht, die Arbeitslosigkeit und Verarmung schreitet voran und viele flüchten Richtung Europa", skizziert der Forscher.

Fischerei muss Chefsache werden

Kein Konsument wolle Überfischung, was man am Erfolg der Labels und Fischführer sehe, doch die Fischereilobby sei im zuständigen Landwirtschaftsressort zu mächtig für eine grundlegende Änderung, so die Analyse Froeses. Fortschritte seien auch für die Rio+20-Konferenz nächste Woche erst dann denkbar, wenn die Fischfrage neu geregelt werde. "Da die europäischen Agrarminister offenbar überfordert sind, müsste man die Überfischung ähnlich wie die Bankenkrise zur Chefsache erklären. Verbindliche Beschlüsse für nachhaltige Entwicklung gibt es schon lange, es fehlt der politische Wille zur Umsetzung", betont der Experte.

Abstract zur Studie unter http://www.sciencemag.org/content/336/6087/1383.summary

Quelle:  pressetext.redaktion