klimaWANDEL.de -Wir sind eine Welt!

Wissenschaftler kritisiert Mängel in der journalistischen Praxis

Potsdam (pte/19.04.2010/12:40) - Der Ausbruch des Eyjafjalla-Vulkans hat am Wochenende nicht nur Europas Flugverkehr lahmgelegt, sondern weltweit auch die Titelseiten vieler Zeitungen und Nachrichtenportale dominiert. "Viele der sehr reißerischen Titel sind aus wissenschaftlicher Sicht bedenklich", warnt Birger-Gottfried Lühr im pressetext-Interview. Lühr ist Experte für Erdbeben und Vulkanismus am Geoforschungszentrum Potsdam http://www.gfz-potsdam.de und wird in dieser Funktion bei Katastrophen immer wieder zur Anlaufstelle für Medienanfragen.

Kein Hinweis für Weltuntergang

"Teilweise nimmt die Berichterstattung über Katastrophen bereits paranoide Züge an, besonders da anscheinend manche Medien auf zweischneidige Weise ihre Artikel verkaufen wollen", kritisiert Lühr. Problematisch sei hier das weit verbreitete Halbwissen. Als Beispiel nennt der Seismologe die Interpretation des Maya-Kalenders, die für 2012 den Weltuntergang in Aussicht stellt. "So berechtigt die Frage ist, braucht es zur Beantwortung Hintergrundwissen. Es ist völlig normal, dass statistisch einmal pro Monat ein Erdbeben der Magnitude Sieben auftritt." Man dürfe sich nicht wundern, wenn Erdbeben zufällig viermal hintereinander in besiedelten Gebieten stattfinden.

"Wir leben auf einem komplexen Planeten, der sich ständig verändert. Teilweise geschieht das sehr langsam, in manchen Fällen wie bei einem Erdbeben oder nun eben bei einem Vulkanausbruch sehr schnell", so Lühr. Schon mit einem einzigen Vulkanausbruch könnten die Karten im Klimageschehen neu gemischt werden. Die Aufgabe der Menschheit laute in diesem Zusammenhang, Phänomene zu verstehen und das Leben so einzurichten, dass das Risiko - somit auch die Verwundbarkeit - minimiert werde. Unsinnig sei jedoch die Annahme, man könne das Risiko auf Null reduzieren, so der Experte.

Webcams auf dem Vulkan

Das hohe Interesse der Bevölkerung an Naturgeschehnissen ist nicht zuletzt durch die Möglichkeiten neuer Medien gestiegen. So zeigen etwa Webcams das Geschehen am Eyjafjalla-Vulkan (siehe: http://eldgos.mila.is/eyjafjallajokull-fra-valahnjuk/ ), auch die Aschewolke kann aktuell mitverfolgt werden (siehe: http://www.metoffice.gov.uk/aviation/vaac/vaacuk_vag.html). Für Lühr gehören diese Informationen zur Populärwissenschaft. "Landschaftsbilder mit Wolken geben Menschen einen ersten Eindruck von der Situation vor Ort. Um diese jedoch qualitativ beurteilen zu können, fehlen einerseits die Maßstäbe, andererseits braucht es Wissen um Systeme und Zusammenhänge", so der Experte.

Die wichtigsten Quellen für Wissenschaftler sind hingegen Netzwerke der eigenen Community. "Im aktuellen Fall liefert ein von Vulkanologen gefütterter US-Server die Daten, die in einem Newsletter mit knappen Informationen, Hintergrundgeschichten und Links an die weltweite Community gelangen." Tagesaktuell sei etwa die Nachricht über gestiegene Tremor-Aktivitäten des Eyjafjallas eingegangen. "Das heißt, dass der Massentransport gestiegen ist oder sich die Aufstiegspfade geändert haben könnten. Der Versender dieser Nachrichten will in diesem Fall selbst wissen, wie diese Daten zu interpretieren sind und wartet auf Kommentare der internationalen Kollegen", erklärt Lühr. (Ende)

Aussender: pressetext.deutschland