Kolumbien: Biosprit gefährdet Mensch und Natur

1264592888i8892Expertin stellt Konzept nachhaltiger Agrotreibstoffe in Frage

Arbeiter in Zuckerrohr-Plantagen werden finanziell und gesundheitlich ausgebeutet (Foto: DKA)

Wien (pte/27.01.2010/12:50) - Agrotreibstoffe aus Palmöl oder Zuckerrohr gefährden die Umwelt und bringen zahlreiche soziale Probleme mit sich. Das betont die kolumbianische Politologin Paula Alvarez Roa, Expertin für Organisationen im Bereich Umwelt und ländlicher Raum bei der NGO Grupo Semillas http://www.semillas.org.co, gegenüber pressetext. Anlass zum Interview gab der Österreich-Besuch der Expertin zu einer Veranstaltungsreihe der Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar http://www.dka.at , bei der der aktuelle Biosprit-Boom in Kolumbien kritisch beleuchtet wurde.

Kolumbiens Palmöl wird derzeit zu Kochöl, Margarine und Seife verarbeitet, für die Zukunft steuert man jedoch ein stärkeres Augenmerk auf die Erzeugung von Biodiesel an. Einen anderen biogenen Treibstoff gewinnt man schon bisher aus dem Zuckerrohr, das zu Ethanol verarbeitet werden kann. Bisher versorgen die Agrotreibstoffe erst den nationalen Markt Kolumbiens - zehn Prozent Biosprit werden hier in den Benzin beigemischt. Dieses Ziel peilt auch die EU bis 2020 an. Angetrieben von der weltweit steigenden Nachfrage und internationalen Subventionen, will Kolumbien Biosprit in Zukunft in großem Stil exportieren, was aktuell eine rasante Zunahme der Energie-Monokulturen bedeutet.
Soziale und ökologische Katastrophe

Dieser Anbau habe hohe soziale Kosten, macht Alvarez aufmerksam. In Kolumbien gibt es aufgrund des seit über vier Jahrzehnten anhaltenden Konflikts derzeit vier Mio. vertriebene Menschen im eigenen Land, für die bisher noch keine Lösung gefunden werden konnte. Gleichzeitig seien fünf Mio. Hektar im Besitz weniger Agrosprit-Unternehmer, die es besonders auf die ertragreichsten Böden abgesehen haben. Der Druck auf die Bauern steige, ihre Gebiete aufzugeben oder Zuckerrohr und Palmen statt Lebensmittel anzubauen. „Wir glauben, dass durch den zunehmenden Anbau von Biotreibstoffen die Konflikte rund um den Landbesitz verschärft wurden, was auch zu einem Anstieg der Gewalt geführt hat“, so Alvarez.

Besonderes Anliegen ist der Politologin die Situation der Arbeiter auf den Zuckerrohr-Plantagen. Die Gewinne der Branche würden nicht an sie weitergegeben werden, vielmehr sei hohe Ausbeutung mit 14 Arbeitsstunden pro Tag bei Niedriglohn die Regel. Möglich sei dies durch die Ausgliederung der Arbeiter in Arbeitskooperativen, die ihnen auch Sozialleistungen verwehrt. „Üblich ist auch die Verbrennung des grünen Zuckerrohrs, bei der das Saccharose-Produkt konzentriert wird und ein Drittel seines Gewichtes verliert. Dieser Vorgang sorgt dafür, dass Transport und Arbeitskraft billiger werden, da sich der Gehalt nach dem Produktgewicht richtet.“ Die dabei erzeugten Abgase würden dafür sorgen, dass in den Plantagenregionen die meisten Atemwegserkrankungen registriert werden.

"Es gibt keine grünen Biotreibstoffe"

Jedoch auch für die Umwelt sei der agroindustrielle Anbau von Palme und Zuckerrohr schädlich. Beide seien sehr wasserintensive Pflanzen, betont die kolumbianische Politologin. „Ein Hektar Palmen oder Zuckerrohr benötigt jährlich über 10.000 Kubikmeter Wasser, somit rund dreimal mehr als Tomate und Mais.“ Wasser sei auch in Kolumbien zunehmend ein knappes Gut, das soziale Konflikte herbeiführen könne. Der Monokultur-Anbau erfordere hohen Einsatz von Pestiziden, die die Böden langfristig belasten, zudem bedeute auch die Zerstörung des Regenwaldes zugunsten der Plantagen einen Verlust an Biodiversität.

"Weder Palmöl noch Biotreibstoffe sind als nachhaltige, grüne Produkte anzusehen", resümiert Alvarez. Es sei daher nicht sinnvoll, Agrotreibstoffen Nachhaltigkeits-Zertifikate zu erteilen. Als einzigen Ausweg sieht Alvarez ein globales Umdenken weg von Biotreibstoffen. „Es braucht mehr Bewusstsein dafür, wie problematisch diese Energieform für die Anbauländer und schließlich auch für den gesamten Planeten ist. Weit günstiger und nachhaltiger wäre es, andere Formen der Energieerzeugung zu fördern.“ (Ende)


Aussender: pressetext.austria

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