Immer mehr Mönche und Nonnen in Tibet nehmen sich das Leben

moenche-in-tibet.jpg(openPR) - Bericht an den UN-Sonderberichterstatter für Religionsfreiheit über die Gründe für die Zunahme der Selbstmorde von tibetischen Mönchen und Nonnen seit dem 10. März 2008.

Weltweit feiern die tibetischen Buddhisten im Juni den heiligen Monat Saka Dawa. Sonntag, der 7. Juni 2009, ein Vollmondtag, gilt als wichtigster Tag des heiligen Monats, weil nach buddhistischem Glauben an diesem Tag der Geburt, der Erleuchtung und des Paranirvana (Eingang ins Nirvana) von Buddha Shakyamuni gedacht wird. Während die tibetischen Buddhisten überall auf der Welt – gleichgültig ob sie Laien oder Mönche und Nonnen sind – den Tag mit verschiedenen religiösen Aktivitäten und Ritualen verbringen, sehen sich die Gläubigen im chinesisch besetzten Tibet massiven religiösen Repressionen seitens des Staates und seiner Vertreter ausgesetzt. Es wurden bereits Verordnungen herausgegeben, die Regierungsbediensteten und Studenten diesen Monat den Besuch von Tempeln untersagen. Sicherheitskräfte und Geheimdienste wurden personell verstärkt und über das Stadtgebiet von Lhasa verteilt, um im heiligen Monat die „Stabilität“ aufrechtzuerhalten.

Seit der Invasion der chinesischen Kommunisten 1949/50 ist die religiöse Freiheit für die Tibeter ein ferner Traum. Die von den chinesischen Behörden angeordneten Einschränkungen und Bedingungen für die Religionsausübung sind nicht nur inakzeptabel, sondern sie verletzen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen. Durch ihre Grausamkeit gegenüber den Tibetern, insbesondere gegenüber Mönchen und Nonnen wegen der Ausübung ihres Glaubens und ihrer religiösen Praktiken, machen die chinesischen Behörden sie nicht nur zu Opfern ihrer Macht, sondern es handelt sich dabei um das Versagen eines souveränen Staats beim Schutz der grundlegenden Menschenrechte seiner Bürger.

Im chinesisch besetzten Tibet wird die Religionsfreiheit massiv eingeschränkt. Dabei bilden die klösterlichen Gemeinschaften die Zielscheibe der Angriffe der Behörden. Um die „Stabilität“ der Region sicherzustellen, sollen die Mönche „reformiert“ werden. Die monastischen Gemeinschaften wurden wiederholt mit infamen Kampagnen traktiert, durch die sie unter Kontrolle gebracht werden und die „Loyalität zum Mutterland“ lernen sollen.

Abertausende Tibeter, insbesondere Mönche und Nonnen, wurden in Gefängnissen und Haftzentren gefoltert, nur weil sie ihre Religion ausübten. Man verlangte von ihnen, ihr geistliches Oberhaupt zu verunglimpfen und ihre hochangesehenen Lamas zu beschimpfen, und das ist etwas, was ihnen ihre religiösen Gelübde und der Verhaltenskodex der Klöster verbieten. Sie werden ihm Rahmen der von der chinesischen Regierung initiierten „Patriotischen Umerziehung“ unter Androhung der Relegation aus dem Kloster dennoch gezwungen es zu tun. Unter tibetischen Mönchen und Nonnen ist Selbstmord eigentlich sehr selten, denn das menschliche Leben ist für sie kostbar, weil man sich in ihm Verdienste für die nächsten Leben erwerben und schließlich vielleicht sogar zur die Erleuchtung gelangen kann. Im Zuge der gegenwärtigen Verfolgungen wurden ihnen jedoch extreme psychische Traumata zugefügt und die Belastung durch die unerträglichen Anforderungen hat einige von ihnen in den Selbstmord getrieben. Die Zahl der Selbsttötungen in den klösterlichen Gemeinschaften in Tibet hat seit den Frühjahrsprotesten von 2008 im Steigen beachtlich zugenommen.

Die tibetischen Buddhisten halten Selbstmord für eine der schlimmsten Sünden, also eine, welche die wichtigsten Grundsätze der buddhistischen Lehre verletzt. Buddhistische Mönche und Nonnen sind bekannt für ihre Geduld und ihr Durchhaltevermögen, wenn sie mit Widrigkeiten konfrontiert sind. Die Zahl der Selbsttötungen ist ein Zeichen dafür, daß die tibetischen Mönche durch die Unterdrückung und Repressionen der chinesischen Behörden an die Grenze ihrer Leidensfähigkeit getrieben werden. Angesichts der von den chinesischen Behörden angewandten geradezu irrsinnigen Zwangsmittel stehen die Mönche und Nonnen vollständig hilflos da, und so sehen manche keinen anderen Ausweg mehr, als sich das Leben zu nehmen. Bis zu einem gewissen Punkt können sie Folter und Mißhandlungen aushalten, aber bei einigen wird irgendwann die Grenze des Erträglichen überschritten, und sie setzen dann ihrem Leben ein Ende.

Sechzehn der siebzehn seit März 2008 dokumentierten Selbsttötungen und zwei versuchte Selbstmorde wurden von Mönchen und Nonnen begangen. Das ist alarmierend und ein deutliches Anzeichen für das Ausmaß der religiösen Repression in Tibet. Die Gründe für diese Tat sind unter anderem:

1) psychologische Traumata während der „Patriotischen Umerziehung“,
2) massives Vorgehen gegen die klösterlichen Gemeinschaften nach den pan-tibetischen Protesten vom März 2008 und
3) die Anti-Dalai-Lama-Kampagne.

Nach den Massenprotesten der Tibeter ab dem März 2008 haben die chinesischen Behörden einmal mehr die Klöster für ihre notorisch bekannte „Patriotische Umerziehung“ ins Visier genommen. Die Kampagne ist dafür berüchtigt, daß schon seit jeher Todesfälle und seelische Traumata bei tibetischen Mönchen und Nonnen mit ihr einhergehen. Als direkte Gegenmaßnahme zu den tibetweiten Protesten vom Frühjahr 2008 haben die chinesischen Behörden in den Klöstern unverzüglich eine Neuauflage der „Patriotischen Umerziehung“ durchgeführt. Die tibetischen Mönche und Nonnen waren Zeugen der brutalen Niederschlagung der Demonstrationen und teilweise tödlicher Schüsse auf tibetische Demonstranten geworden und davon schon völlig verstört. Dennoch unterzog man sie noch der Entwürdigung und dem seelischen Leid der „Patriotischen Umerziehung“. Diese extrem erniedrigende und psychisch belastende Kampagne veranlaßte mehrere Mönche und Nonnen, ihrem Leben selbst ein Ende zu setzen.

Schwer bewaffnete Sicherheitskräfte stürmten Klöster in ganz Tibet, um die lauten Rufe der Mönche nach Freiheit zu ersticken. Vor den Augen ihrer Mitbrüder und -schwestern wurden Mönche und Nonnen brutal geschlagen und dabei mit Schußwaffen bedroht, um so die Anführer und Initiatoren der Demonstrationen „herauszufiltern“. Die monastischen Gemeinschaften waren bei den Protesten lautstark und zahlreich vertreten. Um massiv gegen die Mönche vorgehen zu können, bastelten die Behörden Videos zusammen, auf denen kriminelle Akte in Klöstern dargestellt wurden. Diese Machwerke wurden später als Propagandamaterial genutzt.

In Osttibet, insbesondere in der Region Ngaba, haben die Sicherheitskräfte nach Tibetern gefahndet, die Bildmaterial ins Ausland geschickt hatten, welches die Brutalität der Sicherheitskräfte bei der Niederschlagung der Proteste belegte. Diese Bilder brachten die Regierung enorm in Verlegenheit, hatte sie doch behauptet, sie wäre gegen die Demonstranten äußerst zurückhaltend vorgegangen. Die Klöster der Region wurden unter strikte Überwachung gestellt, Regierungsbedienstete suchten nach Computern usw., mittels derer die Mönche über das Internet suspekte Bilder hätten verbreiten können. Bei der Suche nach derartigen Beweisen und ebenso bei der Rekonstruktion von Szenen für Videoaufnahmen, bei denen Mönche angeblich Verbrechen begingen, wurden die Mönche extrem grausam, unmenschlich und erniedrigend behandelt.

Die Anti-Dalai Lama-Kampagne

Beim dritten Tibet-Arbeitsforum von 1994 bezeichnete die chinesische Regierung den Dalai Lama als den „Kopf der Schlange“. Die Klöster wurden die erste Zielscheibe der 1996 initiierten Anti-Dalai Lama-Kampagnen. Mönche und Nonnen in Tibet werden politischer Indoktrinierung unterzogen und müssen dabei den Dalai Lama diffamieren. Die Kampagne wurde später auch auf die Laien ausgeweitet. Nach dem 10. März 2008 wurde auch diese Kampagne neu aufgelegt und intensiviert. Sie wurde in den Klöstern entweder gemeinsam mit der „Patriotischen-Umerziehung“ oder getrennt davon durchgeführt. Obwohl der Dalai Lama seit mehreren Jahrzehnten im Exil lebt, verehren ihn die Tibeter als ihren höchsten geistlichen Lehrmeister wie auch als ihr weltliches Oberhaupt. Die Behörden attackierten die Person des Dalai Lama auf übelste Art und Weise und verlangten sowohl von Laien wie Mönchen, ihn als „Separatisten“ und alleinigen Anstifter der Proteste vom Frühjahr 2008 in Tibet zu verurteilen. Das war für viele Mönche und Nonnen mehr als sie verkraften konnten und sie zogen es vor, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Sie hatten die brutale Niederschlagung der Proteste miterlebt, der auch Angehörige und Kollegen zum Opfer gefallen waren. Jetzt auch noch den Dalai Lama beschimpfen zu müssen, nahm ihnen den letzten Lebenswillen.

Fallstudien mit Quellenangaben, siehe:
www.igfm-muenchen.de/tibet/TCHRD/2009/MonksSuicideRate_7....

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Der Auftrag der IGFM zielt auf die friedliche Verwirklichung der Menschenrechte, deklariert von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948, dem Tag der Menschenrechte. Seit einigen Jahren leistet die im Jahre 1972 gegründete und seitdem anerkannt gemeinnützige Gesellschaft auch mildtätige Arbeit.

Die IGFM hat Beobachterstatus beim Europarat sowie ECOSOC-(Roster) Status beim Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen. Die Arbeitsgruppe München hat Tibet als Schwerpunkt gewählt. Eine umfangreiche Sammlung von Texten zur Menschenrechtslage in Tibet steht auf unserer Website unter der Rubrik "Tibet".
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